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Medizin

Pressemitteilung 11.05.2020
FREIE WÄHLER Bayern fordern: Arzneimittelproduktion muss wieder nach Europa und Deutschland verlagert werden – Abhängigkeit gegenüber Monopolisten China und Indien soll gebrochen werden

Bayern und Deutschland müssen Lehren aus Krisen ziehen. Davon ist der Landesvorstand der FREIEN WÄHLER Bayern überzeugt. Ein zentraler Punkt – aus Sicht des Vorstandes zwingend – ist die Rückkehr zur regionalen Herstellung und Versorgung mit Schutzgütern in Bayern. Dazu zählen besonders auch Arzneimittel.

In den vergangenen Jahren/Jahrzehnten hat der Bund die Medikamentenproduktion ausgelagert – insbesondere die Herstellung von Antibiotika.
Hubert Aiwanger, Landesvorsitzender FREIE WÄHLER Bayern, verkündet als einstimmiges Ergebnis nach der Sitzung des Landesvorstandes die Position, „dass die Versorgung mit gesellschaftlich relevanten Gütern in Bayern und in den bayerischen Kommunen zukünftig besser gesichert werden muss“. Dazu stellen die FREIEN WÄHLER Bayern fest: Der Freistaat darf in wichtigen Branchen wie im medizinischen Bereich nicht abhängig von asiatischen Ländern sein.

Insbesondere bei der Versorgung mit lebenswichtigen Antibiotika sehen die FREIEN WÄHLER die Abhängigkeit zu China kritisch. Seit Ende der 1980er Jahre begann die Verlagerung der Medikamentenproduktion nach China. In Deutschland hat die letzte Antibiotika-Fabrik in Frankfurt-Höchst 2017 die Produktion eingestellt. Damit ist die Bundesrepublik größtenteils abhängig von China und Indien. Allgemein ist die weltweite Produktion von Antibiotika auf wenige Hersteller außerhalb der EU verteilt. Besonders in Bezug auf China kann nicht immer von Versorgungssicherheit ausgegangen werden, Engpässe – wie in der Coronakrise – sind realistisch.

Susann Enders, Generalsekretärin FREIE WÄHLER Bayern, betont: „Gerade die Medizinbranche muss abgesichert sein. Eine Lehre aus der Coronakrise zeigt, dass die Versorgung mit Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Medikamenten nicht ausreichend war. Das muss sich ändern!“
Die FREIEN WÄHLER Bayern betonen, dass durch das schnelle Handeln der Bayerischen Staatsregierung, allen voran von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, im Bereich neue und eigene Produktion von Schutzmasken und Desinfektionsmitteln Schlimmeres verhindert werden konnte. Der Landesvorstand formuliert, dass in Zukunft eine regionale Produktion im Land nachverfolgt werden muss. Ebenso müssen Arzneien wie Antibiotika versorgungssicher in Deutschland und Europa produziert werden. Die bisherige Abhängigkeit von Monopolisten wie China und Indien muss gebrochen werden.
Die FREIEN WÄHLER Bayern verfolgen seit Jahren ein Konzept der starken Kommunen. Die FREIEN WÄHLER stehen weiter für den Erhalt von regionalen Apotheken und Krankenhäusern ein.

Stichwort BAYER – Leseprobe

Chemikalien haben viele gesundheitsgefährdende Eigenschaften. Eine der unheimlichsten: Manche Substanzen wirken ähnlich wie bestimmte körpereigene Stoffe und können damit den menschlichen Organismus gehörig durcheinanderwirbeln. So gleichen bestimmte Pestizide, Weichmacher oder andere Produkte wie etwa Bisphenol A in ihrem chemischen Aufbau Hormonen. Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit, Unfruchtbarkeit und andere Gesundheitsstörungen beschreiben MedizinerInnen als mögliche Folge. Darum will die EU die VerbraucherInnen besser vor diesen Produkten von BAYER & Co. schützen. Aber die Konzerne torpedieren dies nach Kräften. Ein Lehrstück in Sachen „Lobby-Arbeit“.

Von Jan Pehrke

Hormone sind die Botenstoffe des Körpers. Sie erfüllen damit eine wichtige Aufgabe in seinem Regulationssystem. Die biochemischen Substanzen steuern beispielsweise das Knochenwachstum, den Zucker- und Fettstoffwechsel, die Verdauung und die Sexualentwicklung. Stört nun etwas die Signal-Übertragung, so kommen falsche Botschaften an, was die Abläufe gehörig durcheinanderwirbelt. Und als solche „Störer“ – sogenannte endokrine Disruptoren (EDCs) – hat die Wissenschaft seit einiger Zeit bestimmte Chemikalien ausgemacht. Viele dieser Substanzen gleichen in ihrem Aufbau nämlich Hormonen und haben deshalb ein beträchtliches Irritationspotenzial. Die mögliche Folge: Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit, Dysfunktionen des Nerven- und Immunsystems sowie Herz-, Leber- und Gebärmutter-Leiden.

BAYER hat eine ganze Menge dieser Stoffe im Angebot. Und manche davon, wie etwa das Antiraupen-Mittel RUNNER, sollen sogar hormonelle Effekte entfalten. Es zählt nämlich zu den Insekten-Wachstumsregulatoren, die der europäische Lobbyverband der Agro-Riesen, die „European Crop Protection Association“ (ECPA), wie folgt beschreibt: „Pheromone und Insekten-Wachstumsregulatoren werden im Pflanzenschutz speziell wegen ihrer Wirkungsweise als endokrine Disruptoren eingesetzt, um den Fortpflanzungsprozess zu stören oder den Lebenszyklus der Insekten zu verkürzen.“

Bei anderen Agro-Giften des Konzerns fällt die Beeinträchtigung des Hormonsystems hingegen eher in die Rubrik „Risiken und Nebenwirkungen“. Dies ist auch bei den anderen Substanzen mit hormon-ähnlichen Eigenschaften aus der Produktpalette des Global Players der Fall, wie z. B. bei Weichmachern oder der Industrie-Chemikalie Bisphenol A, von welcher der der Pharma-Riese allein im Jahr 2011 rund 1,2 Millionen Tonnen herstellte.

Bereits seit den 1990er Jahren warnen WissenschaftlerInnen vor den Gefahren, die durch endokrine Disruptoren drohen. Die Politik blieb jedoch lange untätig. Die Europäische Union brachte 1999 zwar eine „Strategie für Umwelthormone“ auf den Weg, erkannte aber erst in der Dekade nach dem Jahrtausendwechsel Handlungsbedarf, wie die französische Publizistin Stéphane Horel in ihrem Buch „Intoxication“ ausführt. Im Rahmen der Neuordnung der Pestizid-Zulassungen nahm die EU 2009 auch die hormonelle Wirkung der Ackergifte ins Visier. Das Europäische Parlament sprach sich dabei für ein Verbot dieser Substanzen aus. Zu einer entsprechenden Regelung in der „Verordnung 1107/2009“ kam es damals jedoch nicht. Diese sollte erst per Nachtrag erfolgen, wenn die Europäische Kommission genaue Kriterien zur Bestimmung der EDCs entwickelt hatte. Bis Ende 2013 gab das EU-Parlament ihr dafür Zeit.

Mit der Detailarbeit betraute die Kommission dann – vorerst – die „General-Direktion Umwelt“. Diese beauftragte zunächst eine Gruppe von WissenschaftlerInnen mit einer Untersuchung zum Forschungsstand in Sachen „hormon-ähnliche Chemikalien“. Anfang 2012 lag der Report „State of the Art Assessment of Endocrine Disrupters“ schließlich vor. Er bescheinigte den Stoffen einmal mehr gesundheitsschädigende Eigenschaften. Diese „rechtfertigen es, die endokrinen Disruptoren als ebenso besorgniserregende Substanzen anzusehen wie krebserregende, erbgutschädigende und reproduktionstoxische Produkte“, hält die Studie fest. Die ForscherInnen schlugen deshalb vor, eine eigene Kategorie für RUNNER & Co. zu schaffen und diese auch nicht wie andere potenziell gefährliche Hervorbringungen der Industrie nach der Wirkstärke zu beurteilen. Dieses Kriterium erlaubt den WissenschaftlerInnen zufolge nämlich keine Rückschlüsse auf das von den EDCs ausgehende Gesundheitsrisiko. Die Dosis macht das Gift – eben das trifft auf die endokrinen Disruptoren nicht zu, weshalb nach Meinung der AutorInnen auch Grenzwerte nicht vor deren Gefahren schützen. Der an der Expertise beteiligte Toxikologe Dr. Andreas Kortenkamp hatte das schon 2002 in einem Experiment nachgewiesen. Er mischte Polychlorierte Biphenyle (PCB), wie sie BAYER bis zu ihrem Verbot im Jahr 1989 massenhaft produzierte, Bisphenol A und sechs weitere Chemikalien zusammen, die für sich genommen nicht östrogen wirken. Er erhielt ein überraschendes Ergebnis. „0 + 0 + 0 + 0 + 0 + 0 + 0 + 0 = 8“ lautete das Resultat. Also das glatte Gegenteil eines Nullsummenspiels. „Etwas, das aus dem Nichts entsteht“, fasste Kortenkamp den beunruhigenden Befund zusammen. „Schädliche chemische Stoffe in Produkten des täglichen Bedarfs müssen verboten werden. Die Gesundheit steht über dem wirtschaftlichen Interesse“, forderte der Toxikologe deshalb später in einem Zeitungsartikel.
Die unter seiner Federführung entstandene Untersuchung für die General-Direktion Umwelt alarmierte die Industrie und trieb sie zu einer beispiellosen Lobby-Offensive, in der BAYER eine Hauptrolle einnahm. Zudem machten noch zahlreiche große Organisationen Druck. So setzte die CEFIC, der europäische Verband der Chemie-Industrie, die endokrinen Disruptoren ganz oben auf ihre Liste mit den „Lobbying-Schlüsselthemen“. Und die CEFIC kann sich diesem Schlüsselthema mit einiger Macht widmen: Sie ist mit ihren 29.000 Mitgliedsfirmen die größte europäische Unternehmensvereinigung, hat in Brüssel 150 Beschäftigte und verfügt über einen Jahresetat von 40 Millionen Euro. Damit nicht genug, opponierten noch weitere Verbände der Konzerne gegen allzu weitreichende Regulierungspläne. Zu ihnen zählten etwa die ECPA, der Zusammenschluss der europäischen Pestizid-Hersteller, dessen US-amerikanisches Pendant „Croplife“, das „American Chemistry Council“ und „Plastic Europe“ mit Patrick Thomas an der Spitze, dem Chef der BAYER-Tochter COVESTRO.

Zunächst heuerten BAYER & Co. willige WissenschaftlerInnen an, um Zweifel am Kortenkamp-Report zu säen. Der vom „American Chemistry Council“ bestellte und bezahlte Text erschien dann Ende Mai 2012 in der Fachzeitschrift Criticial Reviews in Toxicology. Schon ein Blick auf die deklarierten Interessenskonflikte genügt, um sich eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Kritik, die sich hauptsächlich auf Fragen der Methodik konzentriert, zu ersparen. Alle sechs Autoren verfügten nämlich über beste Verbindungen zu den Multis. Sie arbeiteten beispielsweise als Berater für die BASF oder das „American Chemistry Council“ und veröffentlichten in Tateinheit mit ForscherInnen von BAYER, DUPONT oder MONSANTO Artikel.

Einen ersten Zwischenerfolg erzielten die Konzerne schon bald darauf. Hatten die Unternehmen schon länger daran gearbeitet, den Einfluss der General-Direktion Umwelt zu begrenzen und industrie-freundlicheren EU-Organisationen mehr Gewicht in dem Prozess zukommen zu lassen, so konnten sie im Oktober 2012 einen Etappen-Sieg erringen. Die Europäische Kommission übertrug der „Europäischen Behörde für Lebensmittel-Sicherheit“ (EFSA) die Aufgabe, ein wissenschaftliches Gutachten zur Identifizierung und zur Bewertung der endokrinen Disruptoren zu verfassen. Und die Agentur, deren MitarbeiterInnen mehr als einmal mit ihren Beziehungen zur Wirtschaft in die Schlagzeilen geraten waren, versuchte ihrem schlechten Ruf bereits von Anfang an gerecht zu werden: In der von ihr berufenen Arbeitsgruppe befanden sich nämlich überhaupt keine Hormon-SpezialistInnen. Das Ergebnis fiel entsprechend aus: „EDCs können wie alle anderen den Menschen und die Umwelt gefährdenden Substanzen behandelt werden.“ Eine Beurteilung nicht einzig nach dem Gefahren-Potenzial, sondern überdies nach dem üblichen Kriterium der Wahl, dem Risiko-Potenzial, schlug die EFSA deshalb vor.

Endokrine Disruptoren fallen für die Agentur also nicht aus dem Rahmen dessen, was sonst so an schädlichen Chemikalien aufläuft. Der Umgang mit diesen kann nach Ansicht der EFSA daher auch weitgehend in dem bisherigen Rahmen stattfinden. Das war natürlich ganz im Sinne der Industrie. Besonders die Zurückweisung des Gefahren-Ansatzes als einzigem Maßstab zur Beurteilung der EDCs fand ihren Gefallen. Eine Prüfung der Stoffe auf Grundlage der „Gefahr“ unterscheidet sich nämlich maßgeblich von einer solchen auf der Grundlage des „Risikos“. Eine Bewertung anhand der Gefahr nimmt allein die Eigenschaften des Produkts in den Blick, eine anhand des Risikos berücksichtigt indes das Ausmaß, in dem Mensch, Tier und Umwelt der Chemikalie ausgesetzt sind. Während die Gefahr einer Substanz also immer absolut gilt und keine Grenzen kennt, ist das Risiko immer relativ. Es ist unter anderem von der Wirkstärke abhängig. Und als Maß der Dinge kommt so der Grenzwert ins Spiel, der das Höchstmaß der Belastbarkeit anzeigt. Solche Limits träfen auf die – zähneknirschende – Zustimmung von BAYER & Co., erlaubten diese ihnen doch zumindest, ihre Waren, wenn auch mit mehr oder weniger großen Beschränkungen, auf dem Markt zu halten. Das gelänge bei einer Inventur unter der Maßgabe der Gefahr nicht. Danach müssten etwa alle als EDCs identifizierte Acker-Gifte mit einem Verbot rechnen.

Genau dies legte der Kortenkamp-Report 2012 ganz im Sinne der Pestizid-Richtlinie von 2009 nahe, indem er den endokrinen Disruptoren einen Sonderstatus zuschrieb und das Prinzip der Wirkstärke als Richtschnur für die Bewertung ablehnte. Kein Wunder also, dass die EFSA exakt das jetzt zur Disposition stellte. Und die Behörde tat dies wider besseren Wissens, war sie doch kurz vor dem Veröffentlichungsdatum noch drauf und dran, alles zu revidieren. Dass zwei UN-Organisationen den Stand der Wissenschaft so ganz anders wiedergegeben hatten als sie selber und von den endokrinen Disruptoren als einer „globalen Bedrohung“ sprachen, hatte sie nämlich ins Zweifeln gebracht. „Ich denke, dass wir unseren Bericht (…) leider umarbeiten müssen, damit er besser reflektiert, was der Rest der Welt denkt“, e-mailte ein Mitglied der Arbeitsgruppe aufgestört. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der EFSA schlug indessen vor, wenigstens das Kapitel „Schlussfolgerungen“ zu ändern. Aber am Ende blieb doch alles, wie es war.
Die GD Umwelt hatte also allen Grund, an ihrem umfassenderen Schutz-Ansatz festzuhalten. Das allerdings rief BAYER auf den Plan. Der Leverkusener Multi gelangte vorzeitig in den Besitz des entsprechenden Papiers der GD Umwelt – ein Vertrauter bei der Kommission hatte es dem Chemie-Verband CEFIC durchgesteckt – und setzte im Juni 2013 einen Brief an die stellvertretende Generalsekretärin der EU-Kommission, Marianne Klingbeil, auf. „Die DG ENV (= GD Umwelt, Anm. SWB) favorisiert gegenwärtig ein Konzept, welches durchgängig auf der Basis des Vorsorge-Prinzips konstruiert worden ist (Hazard assessment). Dies bedeutet eine fundamentale Abkehr von den Prinzipien der Risiko-Bewertung und wird in Konsequenz weitreichende, gravierende Auswirkungen auf die Chemie-Branche und Agrar-Industrie (vor allem wegen der bei Pflanzenschutzmitteln angewandten Cut-off-Kriterien, die einen Verlust der Zulassung bedingen), nach sich ziehen“, zeigte sich der Pharma-Riese alarmiert. Mehr als 37 Pestizide sieht er von einem Verbot bedroht. Allein der Bann der Antipilz-Mittel aus der Gruppe der Triazole, zu denen etwa die BAYER-Produkte PROVOST OPTI, FOLICUR und NATIVO gehören, würde zu einem Produktivitätsrückgang von 20 Prozent und zu Ernte-Verlusten bis zu 40 Prozent führen, rechnet der Konzern unter Bezugnahme auf zwei Studien vor. Mit Verweis auf die EU-Maxime der „Better regulation“ fordert er die Kommission deshalb auf, bei ihrer Entscheidung über die endokrinen Disruptoren die Auswirkungen auf die Wirtschaft mit zu berücksichtigen und ein sogenanntes Impact Assessment durchzuführen.
Und Brüssel erhörte die Signale: Statt wie vorgesehen 2013 die Kriterien zur Beurteilung der EDCs vorzulegen, kündigte die EU-Kommission erst einmal eine ökonomische Folgeabschätzung an. Der Leverkusener Multi gab sich damit aber nicht zufrieden. Hatte er bereits vor dem Brief an Marianne Klingbeil gemeinsam mit BASF und SYNGENTA ein Scheiben an die EU verfasst und sich darin besorgt gezeigt, die Kriterien zur Bestimmung der endokrinen Disruptoren könnten ihren „komplett sicheren“ Pestiziden den Garaus machen, so setzte er zusammen mit mehreren anderen Konzernen Mitte Oktober 2013 erneut ein Schriftstück auf. Darin gingen die Absender das Vorsorge-Prinzip von einer anderen Seite her an. Sie wollten es nun durch ein „Innovationsprinzip“ ergänzt wissen. Ein Gleichgewicht zwischen Gesundheitsschutz und Innovationsförderung sollte Brüssel nach Meinung der Vorstandschefs anstreben, denn: „Innovationen sind per definitionem mit Risiken verbunden.“
Damit endeten die Lobby-Aktivitäten von BAYER & Co. aber noch bei Weitem nicht. So brachte der willige Wissenschaftler Daniel Dietrich, der immer wieder gern gemeinsam mit den ForscherInnen von BAYER, DOW oder ASTRAZENECA Studien publiziert, in der Fachzeitschrift Toxicology Letters einen höhnischen Artikel über die mit den endokrinen Disruptoren verbundenen Ängste unter. Darin deklarierte er forsch die den EDCs zugeschriebenen Fruchtbarkeitsschädigungen wie etwa die Minderung der Samen-Qualität zu Symptomen einer männlichen Hysterie. „Man kann sich fragen, ob das ganze Thema ‚EDCs’ nicht eher in die Kompetenz von Dr. Sigmund Freud fällt als in die der Toxikologie“, meinten Dietrich und seine Co-Autoren. Auf kaum höherem Niveau argumentierten die Konzerne und ihre Lobby-Organisationen.

Die CEFIC etwa griff in ihren zahlreichen Eingaben zum Standard-Argument der Industrie und bestritt den Kausal-Zusammenhang zwischen Substanz und Nebenwirkungen. Stattdessen führte die Organisation andere mögliche Ursachen ins Feld, wie Umwelteinflüsse und Lebensführung. Zudem erklärte sie die Symptome für reversibel. Allen Ernstes führte sie dafür in einem Schreiben an die EU Horror-Filme als Beispiel an. Diese riefen auch hormonelle Reaktionen des Körpers hervor, allerdings klängen diese bald wieder ab, so die CEFIC.
BAYER versuchte darüber hinaus noch, die LandwirtInnen gegen eine allzu weitreichende Regulation der endokrinen Disruptoren zu mobilisieren. Der Leverkusener Multi entwarf ein Horror-Szenario von Ernte-Verlusten durch bald nicht mehr erhältliche Pestizide und rief die FarmerInnen dazu auf, sich an den Konsultationen Brüssels zu den EDCs zu beteiligen. Darüber hinaus ließ der Global Player seine Beziehungen spielen, um direkt mit Karl Falkenberg, dem Leiter der GD Umwelt, ins Gespräch zu kommen. Der heute beim Berliner „Global Forum for Food and Agriculture“ tätige Eckart Guth bat seinen früheren EU-Kollegen Falkenberg, den BAYER-Manager Franz Eversheim zu empfangen. „Lieber Karl, ich schreibe dir, um dich zu bitten, Herrn (Name in dem EU-Dokument geschwärzt, Anm. SWB) zu treffen, den Leiter Public and Government Affairs Europa von BAYER CROPSCIENCE. Wir haben vor einiger Zeit beim Bier nach dem Tennis über das zur Diskussion stehende Thema gesprochen. Aber ich fürchte, es ist zu ernst, um es dabei belassen zu können. Darum würde ich dir vorschlagen, Herrn (geschwärzt, Anm. SWB) zu treffen, den ich in institutionellen Angelegenheiten berate“, hieß es in dem Schreiben. Das zur Diskussion stehende Thema waren die Kriterien zur Bestimmung der endokrinen Disruptoren. Ob es dann wirklich zu dem angeregten Tête-à-Tête gekommen ist, das vermochte Stéphane Horel nicht herauszubekommen. Dennoch zeigt das Dokument sehr gut, wie Lobbyarbeit in Brüssel funktioniert.

Im Jahr 2013 brachten es BAYER & Co. allein in der zweiten Juni-Hälfte auf sechs Treffen mit EU-Offiziellen; rund 30 Mails der Industrie liefen in diesem Zeitraum auf. Sogar den Profi-AntichambrierInnen von der ECPA begann das alles über den Kopf zu wachsen. Der Druck von Seiten der Mitgliedsfirmen sei „enorm“, schütteten sie Peter Korytar von der GD Umwelt ihr Herz aus. Dazu kam noch Unterstützung aus Übersee. „Croplife America“, der US-Verband der Pestizid-Produzenten, und das „American Chemistry Council“ übten Druck auf die EU-Repräsentanz in Washington aus, weil sie sich Sorgen um ihre Agrogift-Exporte machten. Darum setzten sie die Pläne der EU in Sachen „endokrine Disruptoren“ auch auf die Agenda der TTIP-Verhandlungen. Als mögliches Handelshemmnis und ein konkretes Beispiel für Reform-Bedarf bei der Regulierungszusammenarbeit galten diese den US-amerikanischen Verbänden.

All das ließ die EU-Kommission nicht ungerührt. Sie entzog schließlich der GD Umwelt endgültig die Verantwortung in diesem Prozess und verschleppte die Arbeit zur Bestimmung der EDC-Kriterien immer mehr. So sehr, dass dem Mitgliedsland Schweden schließlich der Kragen platzte. Der nordeuropäische Staat verklagte die Kommission wegen Untätigkeit und bekam im März 2016 auch Recht zugesprochen.

Nun mussten Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und seine Mannschaft endgültig liefern. Und Mitte Juni taten sie es schließlich: Die Europäische Kommission unterrichtete das Europäische Parlament und den Europäischen Rat „über endokrine Disruptoren und die Entwürfe der Kommissionsrechtsakte zur Festlegung der wissenschaftlichen Kritierien für ihre Bestimmung im Kontext der EU-Rechtsvorschriften über Pflanzenschutzmittel und Biozid-Produkte“.

Bei der Definition der EDCs verzichtet die Kommission auf die umstrittenen Kategorie der Wirkstärke. Sie greift zur Freude von BAYER & Co. „wohl aber bei der Bewertung des tatsächlichen Risikos, das von endokrinen Disruptoren ausgeht“, auf diese zurück. Und noch eines weiteren „Aber“ bedient sich Junckers Riege: Sie will die Verbotsanordnungen zwar grundsätzlich auf der Grundlage des Gefahren-Ansatzes verhängen und nicht dem Risiko-Relativismus frönen, der sich am dem Maß der EDC-Dröhnung orientiert. Allein: „Es gibt jedoch einige begrenzte Ausnahmen“. Zu diesen zählt die Kommission ein vernachlässigbares Risiko, eine vernachlässigbare Exposition, sozio-ökonomische Gründe und ernste Gefährdungen der Pflanzengesundheit. Eine ganz schön große Auswahl für die Konzerne – da hatte das die wirtschaftlichen Folgen der EDC-Regulierung abschätzende „Impact Assessment“ seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt.

Dementsprechend hart fiel das Urteil von Seiten der Umweltverbände und der Fachwelt aus. „Das Vorsorge-Prinzip wird durch die Vorschläge mit Füßen getreten“, konstatiert etwa das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN). Hätte ursprünglich der Beleg einer hormon-schädlichen Eigenschaft für eine Regulierung ausgereicht, so müsse nun die Relevanz eines schädlichen Effekts beim Menschen tatsächlich nachgewiesen sein“, moniert die Initiative. Zudem kritisiert PAN die Erweiterung der Ausnahmebestimmungen für hormon-aktive Pestizide, die jetzt im Umlauf bleiben dürfen, wenn sie eine bestimmte Schwelle nicht überschreiten. Als „ganz im Sinne der Pestizid- und Chemie-Industrie“ und „Vorboten von CETA und TTIP“ bezeichnet die PAN-Aktivistin Susanne Smolka die Vorschläge der EU. Die Wissenschaftsvereinigung „Endocrine Society“ lehnt den vorgelegten Entwurf ebenfalls ab. „In Bezug auf die endokrinen Disruptoren noch strengere wissenschaftliche Maßstäbe anzulegen als in Bezug auf die Karzinogene, für die sie schon sehr streng sind, wäre ein Schritt in die falsche Richtung“, so Rémy Slama. Auch das Umweltbundesamt zeigt sich enttäuscht: „Damit verlässt die EU den gefahren-basierten Ansatz, den wir fordern.“ Während bundesdeutsche PolitikerInnen sich mit Kommentaren zurückhielten, bezeichnete die französische Umweltministerin Ségolène Royal die Vorlage aus Brüssel als „extrem enttäuschend“. Gemeinsam mit ihren KollegInnen aus Schweden und Dänemark setzte sie deshalb einen Brief an Jean-Claude Juncker auf, der ein generelles Verbot von endokrinen Disruptoren in Pestiziden zur Forderung erhob.

Die Industrie ließ sich indessen ihre Freude nicht anmerken. Aus taktischen Gründen zog sie es vor, gleichfalls in den Chor der KritikerInnen einzufallen, um die Vorlage der EU als goldenen Mittelweg erscheinen zu lassen und ihre erfolgreiche Lobby-Arbeit nicht durch eine Geste des Triumphalismus zu gefährden.

Die ECPA richtete ihren Tunnelblick einzig auf die Ausnahme-Regelungen und empfand diese als ungenügend. Aus diesem Grund krittelte der Pestizid-Verband an den Kriterien herum, die sich seiner Ansicht nach etwas risiko-freudiger hätten zeigen sollen, statt nur der Gefahr ins Auge zu sehen. „Eine Regulierung durch Ausnahmen ist weder akzeptabel noch wissenschaftlich. Wenn man immer mehr Ausnahmen schaffen muss, ist das ein Anzeichen dafür, dass mit den Kriterien etwas nicht stimmt“, meinte ECPA-Sprecher Graeme Taylor. Der „Verband der Chemischen Industrie“ zeigte sich ebenfalls demonstrativ verstimmt. „Die Kriterien taugen in der Praxis nicht zu einer verlässlichen Unterscheidung in schädliche und harmlose Stoffe“, konstatierte er. Harmlose Substanzen gibt es unter den Chemikalien mit hormoneller Wirkungen nach Ansicht der Lobby-Organisation von BAYER & Co. nämlich wirklich. „Eine sichere Handhabung hormon-aktiver Stoffe ist möglich“, befand der Verband und plädierte einmal mehr für eine Regulierung mit Hilfe von Grenzwerten nach Maßgabe der Wirkstärke der EDCs. Und dienten seinem europäischen Pendant CEFIC noch Horror-Filme als Beispiele für hormonell Wirksames mit geringer Halbwertzeit, so rekurriert der bundesdeutsche Chemie-Verband nun auf Vitamin D und Koffein als Substanzen, die unterhalb bestimmter Konzentrationen keine Irritationen im Hormon-System hervorrufen.

Lob erntete Brüssel kaum. Nur das „Bundesinstitut für Risiko-Bewertung“ (BfR) tat sich wieder einmal unrühmlich hervor. Hatte sich das Institut, in dessen Kommissionen VertreterInnen von BAYER, BASF und anderen Konzernen sitzen, schon in Sachen „Glyphosat“ als Anwalt von Unternehmenspositionen hervorgetan, so ging es nun auch d’accord mit dem EU-Entwurf zu den EDCs. „BfR begrüßt wissenschaftliche Kriterien der EU-Kommission für die Identifizierung endokriner Disruptoren“, überschrieben die Risiko-BewerterInnen ihre Pressemeldung. Kunststück: Die Bundeseinrichtung hatte ihren Einfluss in dem ganzen Prozess immer wieder geltend gemacht. So saßen BfR-VertreterInnen etwa in der EFSA-Arbeitsgruppe, die keinen prinziellen Unterschied zwischen den endokrinen Disruptoren und anderen Chemikalien machen wollte. Darüber hinaus betonte das Bundesinstitut schon früh „die große ökonomische Tragweite“ der Entscheidung über die hormonellen Substanzen“ und trat deshalb bei der Kommission immer für Grenzwerte statt für Totalverbote ein.

In der belgischen Hauptstadt geht jetzt erst einmal alles seinen EU-bürokratischen Gang. Andere Gremien müssen sich mit dem Kommissionsentwurf befassen, was noch zu einigen Konflikten führen dürfte. BAYER & Co. haben sich dafür schon einmal in Stellung gebracht und im Falle eines missliebigen Ergebnisses sogar mit gerichtlichen Auseinandersetzungen gedroht. Aber auch die Umweltverbände und kritischen Initiativen haben bereits mit Aktionen begonnen. So hat das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK eine Unterschriften-Aktion an den Start gebracht. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wird ebenfalls nicht untätig bleiben.

Stichwort BAYER
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Herzliche Grüße,
Jan Pehrke
Redakteur von SWB

Leben retten -­‐ Die DIVI zum richtigen Verhalten bei einem Verkehrsunfall

Berlin, 15. November 2013 -­‐ Nirgendwo sonst auf der Welt ist der Straßenverkehr so sicher wie in Westeuropa. Allen voran Schweden, England und Deutschland. Möglich machen das eine moderne Fahrzeugtechnik, ausgeklügelte Sicherheitssysteme und eine bessere Straßenführung sowie ein flächendeckender Rettungsdienst. Eigentlich gute Nachrichten, die aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass hierzulande immer noch fast 4000 Menschen jedes Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen. Manche von ihnen könnten noch leben, wenn Unfallzeugen Erste Hilfe geleistet hätten. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv-­‐ und Notfallmedizin (DIVI) gibt deshalb Tipps zum besten Verhalten bei schweren Autounfällen.

1995 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Weltgedenktag für die Straßenverkehrsopfer ins Leben gerufen. Opfern und Angehörigen wird seitdem an jedem dritten Novembersonntag gedacht. Einen Moment inne zu halten ist angebracht, denn obwohl die Zahl der Verkehrstoten immer weiter zurückgeht, sterben noch täglich zehn Menschen auf deutschen Straßen. „Autounfälle lassen sich nach wie vor nicht völlig vermeiden“, so Professor Peter Sefrin, Sektionssprecher der Notfall-­‐ und Katastrophenmedizin bei der DIVI, „aber beherztes und richtiges Eingreifen von Unfallzeugen kann so manches Leben retten.“ Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass zehn der Unfalltoten hätten überleben können, wenn unmittelbar Erste Hilfe geleistet würde.

Am Unfallort gilt es als Erstes für Sicherheit zu sorgen. Dazu das eigene Auto so abstellen, dass es kein Hindernis für die Rettungskräfte darstellt und dann Warnblink-­‐ und Abblendlicht einschalten. In solch einer Situation die Ruhe zu bewahren ist nicht ganz leicht, aber wichtig. Denn es gilt, sich schnell einen Überblick zu verschaffen: Wie viele Fahrzeuge sind involviert? Gibt es Verletzte? Ist die Unfallstelle schlecht erkennbar? Besteht Brandgefahr durch auslaufendes Benzin? Hat das Unfallfahrzeug gefährliche Güter geladen? Anschließend sollte man entweder selbst den Notruf wählen oder eine dritte Person darum bitten, diese Informationen an den Rettungsdienst weiterzugeben.

„Auch Laien sollten sich trauen, bis zum Eintreffen der Rettungskräfte selbst Hand anzulegen“, fordert der DIVI-­‐Experte. „Unbedingt dazu gehört, bewusstlose Menschen aus dem Fahrzeug zu retten und in die stabile Seitenlage bringen, weil die Betroffenen zum Erbrechen neigen und ersticken könnten.“ Neben der Bewusstlosigkeit ist es immer auch wichtig, die Atmung zu prüfen. „Sollte die bewusstlose Person nicht mehr atmen, muss sie auf dem Rücken liegen bleiben, weil sie dann eine Herzdruckmassage benötigt“, erklärt Professor Sefrin. Dabei auf keinen Fall Zurückhaltung üben, denn es ist wichtig, den Brustkorb hart und schnell fünf bis sechs Zentimeter tief etwa 100 bis 120 mal senkrecht nach unten zu drücken – bzw. so lange, bis professionelle Hilfe eintrifft.

 

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Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/web-wissen/article114602022/

20.03.13

Forscher warnen vor Chemikalien im Trinkwasser

Im Wasser verbergen sich Tausende chemische Stoffe, von denen viele schon in kleiner Dosis gefährlich sein können. Industrie und Verbraucher müssten endlich handeln, fordern Wissenschaftler.

Immer mehr Chemikalien drohen über den Wasserkreislauf im Trinkwasser zu landen, auch weil viele Verbraucher verschwenderisch mit Medikamenten und Reinigungsmitteln umgehen.

“Vermutlich sind bereits mehrere tausend chemische Stoffe in dem vom Menschen genutzten Wasserkreislauf – über ihre Wirkung wissen wir wenig”, sagte der Lüneburger Umweltwissenschaftler Klaus Kümmerer. “Wir müssen vermehrt dafür sorgen, dass derartige Stoffe nicht in den Wasserkreislauf kommen”, forderte er.
“Weltweit wird über den Wassermangel gesprochen, aber über die Qualität des Wassers meist nur unter Experten”, erklärte Kümmerer mit Blick auf den Weltwassertag am 22. März.

“Auch weil sich die Stoffe in Wasser und Boden chemisch verändern, haben wir kaum Erkenntnisse über mögliche Auswirkungen auf Mensch und Tier”, sagte Kümmerer, der an der Leuphana Universität das Institut für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie leitet.

Nicht alle Stoffe lassen sich herausfiltern

Selbst mit neuen Methoden könne man nicht alle Stoffe herausfiltern. “Manche Behandlungsmethoden produzieren sogar Stoffe, die giftiger sind als die Ursprungssubstanzen”, erläuterte der Chemiker.

Auch Aktivkohle könne nur einen Teil der vielen Stoffe herausfiltern. Je nach Technik könnten die meisten Stoffe trotz erweiterter Behandlung Kläranlagen passieren und zum Teil ins Trinkwasser gelangen.

Auch neue Methoden der Erdgasförderung wie Fracking stellten eine Gefahr für das Trinkwasser dar, mahnte Kümmerer. “Was im Grundwasser ist, kann man nicht mehr herausholen.”

“Wir haben in Mitteleuropa noch sauberes Trinkwasser, da muss man sich keine Sorgen machen. Aber damit es nicht endet wie in anderen Regionen der Welt, müssen wir vorsichtig sein”, betonte der Wissenschaftler.

Viel mehr Substanzen als früher

“Derzeit haben wir zwar keine großen Schadstoffmengen, dafür sind es aber viel mehr Substanzen als früher, die ins Grund- und Trinkwasser gelangen”. Dazu gehörten viele Medikamente.

Medikamenten-Rückstände verschmutzen Experten zufolge permanent die deutschen Flüsse. Während über Jahre vor allem Schmerzmittel gefunden wurden, hat man zuletzt zunehmend Psychopharmaka in Proben nachgewiesen.

Ein Großteil der Stoffe gelangt nach über menschliche Ausscheidungen in die Gewässer, der Rest findet den Weg dorthin, weil er einfach über die Toilette entsorgt wird.

Hormone aus Antibabypillen schädigten bereits die Fische, hätten Studien ergeben. Auch Mittel gegen Pilze aus importierter Kleidung gelangten beim Waschen ins Wasser.

Auch Spuren von Drogen im Abwasser

Heute lässt sich auch der Drogenkonsum in einer Stadt anhand der Spuren von Kokain, Cannabis oder Amphetaminen im Abwasser rekonstruieren. Komplexer gestalten sich Tests auf Arzneimittel, von denen es einfach zu viele gibt.

Ein Problem ist auch, dass die Trinkwasserwerte lediglich die Belastungen von vor Jahren widerspiegeln: Bis etwa Medikamenten-Rückstände aus Flüssen ihren Weg durch die Sedimente ins Grundwasser nehmen und durch Brunnen wieder an die Oberfläche gelangen, kann es bis zu zwölf Jahre dauern.

Das Umweltbundesamt (UBA) geht heute von Medikamentenrückständen aus allen Indikationsgruppen in Fließgewässern aus: Schmerzmittel, Betablocker, Antieptileptika oder Hormone etwa. Mehr als 130 Einzelwirkstoffe wurden bislang in deutschen Gewässern nachgewiesen.

Welche Arzneiwirkstoffe aber überhaupt langfristig schädlich sind, ist nicht bekannt: Auch die Wirkung von hormonhaltigem Wasser auf den Menschen ist ungewiss.

Neben Spuren von Medikamenten kommen aber auch neue Stoffe hinzu. Rückstände aus Nanotechnologie oder Pflegeprodukten etwa. Selbst Zuckerersatzstoffe aus der Nahrung verarbeitet der menschliche Körper nicht. Die Risiken sind bislang noch nicht absehbar.

Quelle: dpa/oc

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Konferenz zu vegetarischer Ernährung und Medizin: Solide Evidenz, zu wenig Wissen bei den Ärzten
Frederik Betsch

Karl und Veronica Carstens-Stiftung

10.12.2012 11:19
VegMed
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Auf der ersten Fachkonferenz für vegetarische Ernährung in der Gesundheitsversorgung haben Mediziner und Ernährungswissenschaftler die Datenlage zusammengetragen. Fazit: Vegetarier haben seltener Übergewicht, ein geringeres Diabetes-Risiko und sterben nicht so oft an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nur beim Patienten kommen diese Erkenntnisse kaum an.
Die Fakten zum schädlichen Einfluss von übermäßigem Fleischverzehr sind bekannt: Unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel oder Stress, steigt z.B. das Risiko an Diabetes Typ 2 zu erkranken, um bis zu 50 Prozent. “Fleischkonsum ist ein unabhängiger Risikofaktor”, sagt Dr. Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung. Die Daten zeigen allerdings auch, dass der Verzehr von unbehandeltem Fleisch einmal pro Woche aus medizinischer Sicht unbedenklich ist.

“Eine vollwertige vegetarische Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlicher Kost ist aus ernährungswissenschaftlich-medizinischer Sicht empfehlenswert”, so Professor Leitzmann, ehemaliger Leiter des Gießener Instituts für Ernährungswissenschaften. Auch eine rein pflanzliche (vegane) Ernährung ist bedarfsgerecht und gesundheitlich sinnvoll, solange die Kost vielfältig und qualitativ hochwertig ist, und auf eine ausreichende Vitamin B12-Zufuhr geachtet wird.

Wie sage ich es meinem Patienten?
Von der Ärzteschaft werden die Vorzüge einer überwiegend pflanzlichen Ernährung bislang allerdings kaum wahrgenommen, so das einhellige Credo des Plenums. Prof. Andreas Michalsen von der Berliner Charité sagt hierzu: “Dass der Fleischverzehr gesundheitlich bedenklich ist, wissen wir inzwischen aus den großen epidemiologischen Studien. Die Frage derzeit lautet eher: Wie protektiv ist welche Form der vegetarischen Ernährung und was bedeutet dies für die Praxis?”

Insbesondere für Ärzte sei es einfacher, ihren Patienten eine positive Verhaltensänderung nahe zu bringen, als Verbote auszusprechen. Einen Patienten vom Fleischverzicht zu überzeugen, sei weniger ein Problem der Argumente oder der Evidenz, vielmehr ein Problem der Kultur, so die Meinung.

Ein strukturelles Defizit ist die mangelnde Vernetzung der Ärzte mit Ernährungsberatern oder Diätassistenten. Viel zu selten verweisen die Mediziner ihre Patienten zur Ernährungsberatung an die entsprechenden Fachleute, obwohl ausreichend geschultes Personal vorhanden ist und die Kassen diese Leistungen übernehmen.

Prof. Andreas Michalsen resümiert: “Die Evidenz ist da, leider kommt davon sehr wenig in der Praxis an. Vegetarische Ernährungsformen sind bisher nicht im Fokus der Ärzte.”

Konferenz frühzeitig ausgebucht, 250 Teilnehmer
Mit 250 Teilnehmern, die meisten davon Ärzte, zeigten sich die Veranstalter hochzufrieden. Die Konferenz war schon Wochen vorher ausgebucht, die Resonanzen aus dem Publikum sehr positiv. Frederik Betsch von der Carstens-Stiftung sagt: “Die interessierten Nachfragen zeigen uns, dass Bereiche der Medizin wie die vegetarische Ernährung, die sonst eher am Rand stehen, bei den Ärzten auf Interesse stoßen. Wir werden die Veranstaltung im nächsten Jahr wiederholen.”

Die „VegMed“ wurde von der Charité-Universitätsmedizin, der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus, dem Vegetarierbund Deutschland und der Carstens-Stiftung organisiert und richtete sich an Ärzte, Diätassistenten, Gesundheitsberater und Ernährungswissenschaftler. Auf der Tagung wurden neueste Forschungsergebnisse präsentiert, vegetarische Kostformen vorgestellt und Perspektiven pflanzlicher Ernährung in der Medizin thematisiert. Koferenz-Website: http://www.vegmed.org

Ansprechpartner:
Frederik Betsch
Karl und Veronica Carstens-Stiftung | Pressesprecher
Am Deimelsberg 36, 45276 Essen
Tel: 0201 56305 34
f.betsch@carstens-stiftung.de
http://www.carstens-stiftung.de

Dr. Christian Keßler, M.A.
Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde am
Immanuel-Krankenhaus Berlin-Wannsee | Forschungskoordinator
Königstr. 63, 14109 Berlin
Tel. 030 805 05 614
c.kessler@immanuel.de
http://www.naturheilkunde.immanuel.de

Sebastian Zösch
Vegetarierbund Deutschland e.V. (VEBU) | Geschäftsführer
Glatzer Straße 5, 10247 Berlin
Tel. 030 200 507 99
sebastian.zoesch@vebu.de
http://www.vebu.de

Weitere Informationen:
http://www.carstens-stiftung.de – Karl und Veronica Carstens-Stiftung
http://www.naturheilkunde.immanuel.de – Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin
http://www.vebu.de – Vegetarierbund Deutschland
URL dieser Pressemitteilung: http://idw-online.de/de/news511419

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WDR Fernsehen „die story“

 

Montag, 10. September, 22.00 bis 22.45 Uhr

 

www.wdr.de/tv/diestory/sendungsbeitraege/2012/0910/pharma.jsp#pbild1

Pharma-Sklaven

Ein Film von Rebecca Gudisch und Benjamin Best

„Ich bin krank, aber ich habe kein Geld, um einen Arzt oder Medikamente zu bezahlen. Hier aber wird mir umsonst geholfen“, sagt Ameena aus Pithampur. Was sie nicht weiß: Die Medikamente, die sie bekommen wird, sind noch nicht zugelassen. Ameena ist Teil eines Versuchs einer großen ausländischen Pharmafirma. Auch das weiß Ameena nicht.

 

Die großen Pharma-Firmen betreiben seit Jahren ihre Testreihen in Entwicklungsländern wie Bangladesch, Indien, China und Afrika. Für viele Menschen in den Entwicklungsländern sind diese Versuchsreihen die einzige Chance, überhaupt an medizinische Versorgung zu kommen.

 

Die Vorteile für die Pharma-Firmen liegen auf der Hand: Die Versuche in solchen Ländern kosten nicht selten nur die Hälfte, es gibt so gut wie unbegrenzten Nachschub an „Versuchskaninchen“, die keine Fragen stellen, und die dortigen Ethik-Kommissionen drücken wohl auch gerne mal ein Auge zu.

 

Erst vor kurzem hat die indische Regierung die gesetzlichen Regelungen gelockert, die es den großen ausländischen Pharma-Unternehmen noch einfacher machen, solche nur wenig kontrollierten Testreihen durchzuführen.

 

Die vollständige Ankündigung findet sich auf der website des WDR

 

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren führt seit drei Jahren eine Kampagne zu Pharma-Tests in der „Dritten Welt“ und hat zum Thema mehrfach in der Hauptversammlung der Bayer AG gesprochen. Weitere Infos unter:www.cbgnetwork.org/4119.html

 

Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)
eMail        info@CBGnetwork.org
Internet     www.CBGnetwork.org
Twitter:      twitter.com/BayerGefahren
Facebook  www.facebook.com/pages/Coordination-gegen-BAYER-Gefahren-CBG/127538777294665

Tel 0211-333 911, Fax 0211-333 940

Beirat
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker, ehem. MdB, Burgwald
Prof. Rainer Roth, Sozialwissenschaftler, Frankfurt/M.
Prof. Jürgen Junginger, Designer, Krefeld
Dr. Angela Spelsberg, Ärztl. Leiterin Tumorzentrum Aachen
Dr. Erika Abczynski, Kinderärztin, Dormagen
Eva Bulling-Schröter, MdB, Berlin
Dr. Sigrid Müller, Pharmakologin, Bremen
Prof. Dr. Anton Schneider, Baubiologe
Wolfram Esche, Rechtsanwalt, Köln
Dr. Janis Schmelzer, Historiker, Berlin