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IPPNW

Heute jährt sich die Katastrophe im Block 4 des Kernkraftwerk komplexes Tschernobyl zum 31. Mal.

Wer mehr über dieses Thema wissen möchte: Der Tagungsband zur Konferenz zum 30. Jahrestages von Tschernobyl und 5. Jahrestag von Fukushima steht zum kostenlosen Download verfügbar.
Zu beachten: mehrere Dokumente werden in mehreren Sprachen zur Verfügung gestellt. So auch die Zusammenfassung des Ulmer Expertentreffens zur Wirkung ionisierender Strahlung.

https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/IPPNW_Report_T30_F5_Folgen_web.pdf

25.10.2013

Ärzte: Gesundheitliche Auswirkungen werden systematisch unterschätzt

UNSCEAR-Bericht zu Fukushimafolgen

Der heute vorgelegte Bericht des Komitees der Vereinten Nationen für die Folgen von Strahlung (UNSCEAR) verharmlost systematisch das wahre Ausmaß der gesundheitlichen Folgen der Fukushima-Katastrophe. Es handelt sich um eine gezielte Missinformation der Öffentlichkeit. Das kritisieren IPPNW-Ärzte aus Deutschland, den USA, Schweiz, Frankreich, Italien, Nigeria, Malaysia, Ägypten und den Niederlanden in ihrer Analyse des Berichts.

UNSCEAR gibt an, dass „kein erkennbarer Anstieg von Krebserkrankungen in der betroffenen Bevölkerung zu erwarten sei, der mit der Strahlenexposition in Verbindung gebracht werden kann.“ Die Ärzte kritisieren, dass sich die Mitglieder von UNSCEAR in ihrem Bericht im Wesentlichen auf die Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), der Betreiberfirma TEPCO und der japanischen Atombehörden stützen. UNSCEAR verlässt sich dabei blind auf die Dosisangaben der Kraftwerksbetreiber und ignoriert die Vielzahl an Berichten über Manipulationen und Ungereimtheiten dieser Messwerte. Neutrale unabhängige Institute und Forschungseinrichtungen, die die Ereignisse in Fukushima kritischer beurteilen und von höheren Strahlendosen ausgehen, werden ignoriert.

Statt die Rechnungen der WHO als Grundlage für die Dosisberechnung zu nehmen, bezieht sich UNSCEAR auf wenig verlässliche Ganzkörpermessungen einzelner Isotope und rechnet sich somit die Gesamtdosis der Bevölkerung klein. Die erhöhte Strahlenempfindlichkeit des ungeborenen Kindes wird in den Berechnungen ebenso wenig berücksichtigt wie neuere strahlenbiologische und genetische Erkenntnisse zu den medizinischen Folgen von Niedrigstrahlung. UNSCEAR bestätigt, dass es zu vermehrten Krebsfällen kommen wird, gibt aber an, dass diese nicht in der Statistik auffallen werden und nicht eindeutig mit dem radioaktiven Fallout in Verbindung gebracht werden können – eine Strategie, wie sie auch die Zigarettenkonzerne und die Asbestwirtschaft jahrzehntelang verfolgte.

Als Ärzten liegt uns die Gesundheit unserer Patienten am Herzen. Jeder Mensch hat das Recht auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt. Den Bewohnern der verstrahlten Gebieten wird dieses Menschenrecht derzeit verwehrt. Jeder einzelne Fall von Krebs ist einer zu viel und wenn, wie in Fukushima, mit mehreren zusätzlichen Zehntausend Krebsfällen durch die radioaktive Strahlung gerechnet werden muss, dann ist es zynisch und unangemessen, die berechtigen Sorgen und gesundheitlichen Risiken der Bewohner auf ein statistisches Problem zu reduzieren.

Inzwischen ist wissenschaftlich anerkannt, dass jede auch noch so kleine Menge an radioaktiver Strahlung Krebs auslösen kann. Es gibt keine Schwellendosis unterhalb derer Strahlung ungefährlich ist. Chronische Exposition mit Radioaktivität kann zu Leukämien, Lymphomen und zu soliden Tumoren führen, sowie zu Herzkreislauferkrankungen, Grauem Star und Autoimmunerkrankungen.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Kinder, und vor allem ungeborene Kinder, eine stark erhöhte Strahlensensibilität haben. Aus diesem Grund versuchen Ärzte und Ärztinnen, wo immer möglich, Kinder und Schwangere vor unnötiger Strahleneinwirkung zu schützen. Durch die multiplen Kernschmelzen in Fukushima wurden große Mengen an Strahlung frei gesetzt und durch radioaktive Wolken verteilt. Nur durch viel Glück und die richtige Windrichtung blieb der Millionenmetropole Tokio eine massive Verstrahlung erspart. In den umliegenden Präfekturen sind die Menschen jedoch seit mehr als 2 ½ Jahren erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt. Die Behörden haben die Menschen nicht adäquat schützen können. Jodtabletten zur Prophylaxe wurden nicht verteilt, die zulässige jährliche Strahlenbelastungsgrenze von Kindern dafür auf 20 mSv erhöht. Radioaktive „Hotspots“ entlang Schulwegen und am Rand von Spielplätzen und Schulhöfen werden lediglich mit Wimpeln markiert und der Verzehr von Produkten aus Fukushima mit lokalpatriotischen Kampagnen unterstützt – selbst in Schulkantinen.

Und die Atomkatastrophe dauert noch an: die ungeschützten Kraftwerksruinen stellen noch immer eine große Gefahr dar und müssen weiterhin intensiv gekühlt werden. Durch unerkannte Lecks werden weiterhin jeden Tag mehrere hundert Tonnen radioaktives Wasser in den Pazifik gespült.

Es ist wissenschaftlich unseriös, aus den Daten von ein bis zwei Jahren definitive Schlussfolgerungen über die nächsten Jahrzehnte zu ziehen und Entwarnung zu geben, wie das der UNSCEAR-Bericht tut. Schon heute mussten in Fukushima 18 Kinder wegen Schilddrüsenkrebs operiert und behandelt werden, bei 25 weiteren Fällen haben Biopsien ebenfalls einen Krebsverdacht ergeben. Zu erwarten wäre in einer vergleichbaren Bevölkerung gerade mal ein einziger Fall. Ein Zusammenhang mit der Atomkatastrophe erscheint plausibel. Die weitere Entwicklung (nicht nur der Schilddrüsenkrebsfälle) muss in den nächsten Jahrzehnten gut beobachtet werden. Die Menschen müssen das Recht haben, ihre medizinischen Daten einzusehen und sich eine Zweitmeinung einzuholen. Beides wird ihnen derzeit verweigert. Auch müssen vor allem junge Familien und Schwangere Unterstützung erfahren, wenn sie sich auf Grund gesundheitlicher Sorgen dazu entschließen, die verstrahlten Gebiete zu verlassen. Stattdessen werden sie derzeit mit aufwändigen Kampagnen und ineffektiven Dekontaminationsversuchen dazu ermutigt zu bleiben.

In der Debatte über die Gesundheitsfolgen der Atomkatastrophe von Fukushima geht es um mehr als nur das Prinzip der unabhängigen Forschung, die sich dem Einfluss mächtiger Lobbygruppen nicht beugt. Es geht auch und vor allem um das Menschenrecht auf Gesundheit und eine gesunden Umwelt. Deswegen setzen wir Ärzte dem Bericht der Atomlobby unsere eigene kritische Erwiderung entgegen.

Den vollständigen englischen IPPNW-Kommentar zum UNSCEAR-Bericht finden Sie online unter:http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Ausfuehrlicher_Kommentar_zum_UNSCEAR_Fukushima_Bericht_2013__Englisch_.pdf

Das Statement von Dr. Angelika Claußen finden Sie unter http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Fukushima/statement_claussen.pdf

Kontakt: Angelika Wilmen, Pressesprecherin der IPPNW, Tel. 030-69 80 74-15,

Dr. med. Alex Rosen, rosen@ippnw.de, Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), Körtestr. 10, 10967 Berlin, www.ippnw.de, Email: wilmen@ippnw.de

Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) Deutschland, USA, Schweiz, Nigeria, Italien, Frankreich, Malaysia, Ägypten und Niederlande

 

Kontaminierte Lebensmittel und neue Forschungsergebnisse 27 Jahre nach Tschernobyl

 

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW erinnert daran, dass 27 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl Lebensmittel noch immer mit radioaktivem Cäsium kontaminiert sind. Ausgerechnet in Japan wurden vor kurzem in deutscher Heidelbeermarmelade rund 22 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm (Bq/kg) gefunden, wie der Informationsdienst „Strahlentelex“ berichtet. Da das kurzlebigere Cäsium-134 nicht enthalten war, ist davon auszugehen, dass es sich in der deutschen Marmelade um Cäsium-137 aus Tschernobyl handelt. Dieses ist mit seiner physikalischen Halbwertszeit von 30 Jahren noch nicht einmal zur Hälfte abgebaut. „In Japan kann die Situation auftreten, dass sich auf dem selben Frühstücksteller Nahrungsmittel befinden, die durch Tschernobyl und durch Fukushima kontaminiert wurden“, so IPPNW-Vorstandsmitglied Dr. Alex Rosen. „Die geltenden Grenzwerte nehmen erhöhte Krebsraten billigend in Kauf. Das Ziehen von ‚sicheren Grenzwerten‘ an sich ist irreführend: Verstrahlung stellt stets ein zusätzliches relatives Gesundheitsrisiko dar.“

In einer Reaktion vom 12. April bestätigte der Hersteller, dass Marmelade auf den Markt gebracht wurde, die radioaktiv kontaminiert war. Man halte jedoch den EU-Grenzwert ein und habe sich hausintern einen niedrigeren Wert zum Ziel gesetzt.

Dass es sich um keinen Einzelfall handelt, zeigen Messergebnisse des japanischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2012, wonach in österreichischen und französischen Heidelbeermarmeladen Belastungen zwischen 140 und 220 Bq/kg Radiocäsium gefunden wurden. Ebenso sind auch Waldpilze und Wildschweine in Süddeutschland wie auch in anderen Regionen Europas teilweise noch immer mit weit mehr als 600 Bq/kg kontaminiert.

Die erschreckenden gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl werden in der westlichen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Laut IPPNW-Vorstandsmitglied Dr. Dörte Siedentopf berichten Tschernobyl-Initiativen zunehmend von „sudden deaths“, die mutmaßlich auf Gefäßveränderungen durch kontaminierte Nahrungsmittel zurückzuführen seien. Tatsächlich bestätigen auch neuere wissenschaftliche Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein internationales Forscherteam um Mark Little kam in einer Studie zum vorläufigen Ergebnis, dass die strahlenbedingte Mortalität (Sterberate) auf Grund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa genauso hoch sei wie diejenige durch strahlenbedingten Krebs.

Amtliche Statistiken bieten leider ein nur unscharfes Bild. Dr. Siedentopf weist darauf hin, dass es in der Tschernobyl-Region vermieden wird, Krebs als Todesursache anzugeben. Dennoch zeigen beispielsweise auch die Fallzahlen für Leukämien des „Belarusian Republican Registry of Hemoblastoses“ die Folgen von Tschernobyl. Eine aktuelle Untersuchung von IPPNW-Beiratsmitglied Dr. Alfred Körblein ergab, dass in Weißrussland die Leukämierate bei Kindern im Jahr 1987, ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe, um 33 Prozent angestiegen ist. Einen zweiten Anstieg gab es im Zeitraum 1990 bis 1992. Bei Kindern unter einem Jahr lag die Erhöhung 1987 sogar bei 152 Prozent.

„Atomunfälle wie Tschernobyl und Fukushima verursachen einen schleichenden Tod, der in der öffentlichen Wahrnehmung ignoriert und von den Regierungen sogar abgetan werden kann, weil sich die strahlenbedingten Erkrankungen und das vorzeitige Sterben über Jahre und Jahrzehnte hinziehen“, so Siedentopf. „Wer wie ich seit mehr als 20 Jahre die Tschernobyl-Region regelmäßig besucht, sieht vor Ort, dass es praktisch keine Familie gibt, die nicht durch Krankheit oder Tod betroffen wäre: Tumoren in allen Organen bei Kindern und Erwachsenen, frühkindlicher Diabetes, Linsentrübungen, Karies, Krankheiten durch Gefäßveränderungen, Herzinfarkte und Schlaganfälle im mittleren Lebensalter, Immunschwäche und vieles mehr.

Es darf nicht zu einer weiteren Atomkatastrophe kommen! Deswegen müssen in Deutschland wie auch in unseren europäischen Nachbarstaaten, in Nordamerika und in Asien die noch betriebenen Atomkraftwerke umgehend stillgelegt werden“, fordert Siedentopf.

 

Weitere Informationen: www.ippnw.de/atomenergie/atom-gesundheit/tschernobyl-folgen.html

Kontakt: Angelika Wilmen (Presse), Tel. 030-69 80 74-15. Henrik Paulitz (Atomexperte), Tel. 0171-53 888 22

Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), Körtestr. 10, 10967 Berlin, www.ippnw.de, Email: ippnw@ippnw.de